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Anmerkungen zu Norbert Juretzko

Es ist das immer gleiche, alte Lied. Der Mitarbeiter einer großen, multinationalen Firma läuft im Außendienst zur Hochform auf. Er wird belobigt, gefördert, befördert. Eines Tages gerät er in die Rolle des Überbringers der schlechten Nachricht. Die Hiobsbotschaft bringt seinen wichtigsten Vorgesetzten um den Posten. Bevor der allmächtige Abteilungsleiter das Haus verlässt, legt er noch Tretminen. Das führt zu allseitigen Kollateralschäden. Dieser Mitarbeiter, der dies alles, nur durch das Überbringen der schlechten Nachricht, ausgelöst hat, steht schließlich vor dem Strafrichter. Seine Firma wirft ihm vor, anvertraute Gelder veruntreut zu haben. In dem Verfahren wird natürlich mit allen Tricks gearbeitet. Er hat keine Chance, seine mögliche Unschuld zu beweisen. Der Prozess läuft nichtöffentlich und damit auch abseits der Medien. Am Ende wird er verurteilt – zu einer Bewährungsstrafe von elf Monaten. Nun ist es vorbei mit der 15jährigen Loyalität zum Arbeitgeber. Der Geprügelte beschließt, sein gesamtes Firmenwissen der interessierten Öffentlichkeit mitzuteilen.

 

Soweit so gut. Würde die gefeuerte Kraft beispielsweise silberfarbene Datenscheiben mit den Namen von 20 000 deutschen Steuersündern an die Finanzbehörden verkaufen, wäre dies – nachneudeutscher Rechtsauslegung - absolut in Ordnung. Hier waren die Vorzeichen jedoch umgekehrt. Der Mann, um den es hier geht, heißt Norbert Juretzko und gehörte dem Bundesnachrichtendienst an. Nach Auffassung seines hochsensiblen Dienstherrn durfte gerade er nicht auspacken, über nichts und niemanden. Er hätte, so sehen es die ehernen Regeln des Gewerbes vor, sein Wissen mit ins Grab nehmen müssen. Diese Geschichte ist auch eine lange Kette von Reaktionen. Jeder reagierte auf den anderen, und in der Regel zu spät. Juretzko, geboren 1953 in Salzgitter, ehemaliger Bundeswehroffizier, war angesichts des „Unrechtsurteils“ – wie er es sieht – nicht mehr zu bremsen. Alles musste raus.

 

Es war die Geburtsstunde eines Bestsellers. Norbert Juretzko traf ich erstmals Anfang 2003. In groben Zügen erzählte er seinen Hintergrund und bat um Formulierungshilfe, zuallererst aber auch um Unterstützung bei der Suche nach einem passenden Buchverlag. Im Sommer 2003 war es soweit.
Wir hatten einen Verlag – Ullstein – und unterschrieben Verträge.  Juretzko bekam einen zeitlichen Vorsprung, sein Schicksal in eigenen Worten zusammenzuschreiben. Ich führte mit ihm gezielte Gespräche, las viele Dokumente und studierte beispielsweise die Umstände des Abzugs derWestgruppe der sowjetischen Streitkräfte aus der damals bereits verblichenen DDR. Diesen Vorgang überwachte Juretzko im Auftrag des BND und in enger Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Militär-Geheimdienst DIA. In den Wintermonaten 2003/2004 schrieb ich mehrere hundert Seiten Manuskript. Wir lieferten es gemeinsam in Berlin ab.

Das fertige Buch trug den Titel „Bedingt dienstbereit“ –  Untertitel „Im Herzen des BND – die Abrechnung eines Aussteigers“ und lag ab Sommer 2004 in großen, signalroten Stapeln an zentralen Stellen der  Buchhandlungen. Rasch sprach sich herum, welche Brisanz zwischen den Buchdeckeln steckte, und dass die Gefahr der Beschlagnahme drohte.  Als Schwerpunkt und roter Faden zog sich der (bis heute nicht eindeutig aufgeklärte) Vorwurf gegen die frühere „graue Eminenz“ des BND, Volker Foertsch, heimlich für das KGB gearbeitet zu haben, durch die Seiten.  In dem Mix steckten auch viele Informationen zur Tätigkeit der NATO-Geheimarmee „Gladio“, zur Aufklärung des BND in Richtung Sowjetunion/Russland. „Bedingt dienstbereit“ – eine Anspielung auf das geflügelte Wort aus der „SPIEGEL“-Affäre – beleuchtete auch die alltägliche, mangelnde Professionalität und das organisierte Chaos im Inneren der geheimen Riesenbehörde im Münchner Süden.

Der Bundesnachrichtendienst reagierte überaus gereizt, da ohne lange Vorwarnung  mit diesem Buch konfrontiert. Gereizt auch, weil nicht zur Zensur vorgelegt. Der BND ging sofort zum Gegenangriff über und zeigte den ehemaligen Mitarbeiter Juretzko wegen vermeintlichen Landesverrats an. Später reduzierte sich die Anzeige  auf Geheimnisverrat bzw. den Verrat von Dienstgeheimnissen. Nachdem auch beim BND Irren menschlich ist, wurde Norbert Juretzko im Juni 2007 auf Antrag der Staatsanwaltschaft beim Landgericht Berlin und seiner Verteidigung von diesen Vorwürfen freigesprochen. Bei mir, dem „Mittäter“,  entschied sich der BND für Rufmord, also für eine Psycho-Strategie, die am Ende Ruf und Beruf ruiniert. Das aber ist eine ganz andere Geschichte, die ich bereits an anderen Stellen ausführlich dargestellt habe.

Das Buch „Bedingt dienstbereit“ war einer der Bestseller des Jahres 2004 und eroberte sogar den zweiten Platz der wichtigen SPIEGEL-Liste. Schon aufgrund des großen Erfolges sahen wir uns veranlasst, eine Fortsetzung zu schreiben: „Im Visier“. Dieses Werk sollte erst 2006 erscheinen, zumal Sachbücher mit überwiegend autobiographischen Inhalten nicht im Akkord entstehen. Unsere enge, vertrauensvolle Zusammenarbeit, und darauf ist in diesem Kontext zu achten, reichte also von 2003 bis 2007. Der BND-Aussteiger konnte sich aber auch alleine behaupten. Seit dem Erscheinen seiner indiskreten Erinnerungen gilt er als Experte, der Medien aller Art mit Expertisen zur Verfügung steht. Gerne wird er zu Schaltgesprächen oder ins Studio geladen, wenn deutsche Schlapphüte für unfreiwillige – und zumeist negative – Schlagzeilen sorgen. Der Ehemalige hat für alles eine Antwort.

Am 14. Januar 2005 kam es zu einer wichtigen Besprechung zwischen Norbert Juretzko und mir. Er verdeutlichte mir seine prekäre Finanzlage: Verpflichtungen aus dem BND-Verfahren, neue Ermittlungen wegen „Bedingtdienstbereit“ und andere unvorhergesehene Ausgaben – er war im Prinzip pleite. Diese Situation, so Juretzko, würde das zweite Buch gefährden. Er müsse Geld verdienen und könne  nicht mehr an dem Projekt arbeiten. Um Band zwei zu retten, und aus Mitgefühl, lieh ich ihm 11 000 Euro. Es war fast meine gesamte Barschaft der damaligen Zeit. In drei Monaten, so versprach Juretzko, sei das Geld wieder bei mir. Bis dahin werde er die Eigentumswohnung seines Vaters verkaufen.

Gesagt, aber nicht getan. Irgendwann später eröffnete er mir, sein Vater sei gestorben, die Wohnung sei verkauft, kein Geld übrig geblieben. Norbert Juretzko vertröstete mich für lange Zeit. Nach massivem Druck, führte er schließlich im Jahr 2006 einen Teilbetrag von 1500 Euro an mich zurück.  Im November 2006 schickte er mir eine E-Mail und schlug darin vor, ich möge selbst einen Kredit aufnehmen. Er werde dann die Zinsen bezahlen. Dieser Gedankengang gefiel mir gar nicht.

Nachdem er mich immer wieder mit fadenscheinigen Begründungen vertröstet hatte, passierte , was man zwischen (Geschäfts-)Partnern vermeiden sollte, gerade in einem derart sensiblen Arbeitsgebiet. Im August 2007 beantragte ich wegen ausstehender Rückzahlung des gegebenen Privatdarlehens den Mahnbescheid gegen meinen Ko-Autoren Norbert Juretzko, und bald auch einen Vollstreckungsbescheid.  In beiden Fällen legte er keinen Widerspruch ein. Er war aber auch regelmäßig nicht anzutreffen, wenn der Gerichtsvollzieher kam. Vorsorglich gab er dann am 21. Mai 2008 die Eidesstattliche Versicherung gegenüber dem Obergerichtsvollzieher beim Amtsgericht Celle ab.  Norbert Juretzko füllte ein sechsseitiges Vermögensverzeichnis aus. Fazit: Bei dem Pensionär mit dem erlernten Beruf „Industriekaufmann“ war de facto nichts zu holen.

In der Folge arbeitete Norbert Juretzko für eine Frankfurter Sicherheitsfirma. Er versuchte die ihm noch vorliegenden ca. 3500 Blatt BND-Unterlagen auf dem freien Markt zu verkaufen. Dieser Vorgang löste neue Ermittlungen der Staatsanwaltschaft München I wie erneute Hausdurchsuchungen bei  Juretzko und in seinem Umfeld aus. In diesem Zusammenhang warf ihm die bayerische Justiz auch falsche uneidliche Aussage vor.  Gegen den damit verbundenen Strafbefehl legte er Einspruchein, zog diesen aber während der Hauptverhandlung im Juli 2010 wieder zurück. Somit verhinderte er, dass die Details der von ihm versteckten Akten öffentlich erörtert wurden.

Bei unserem letzten, gemeinsamen Gespräch machte Norbert Juretzko in Anwesenheit einer uns beiden bekannten Anwältin klar, dass er seine Schulden nicht zurückzahlen werde. Er habe kein Geld. Nach dieser Mitteilung stand er auf und verschwand. Selten, dass es dem BND-Agenten a.D. die Sprache verschlagen hat.

Inzwischen hat der ehemalige lokale SPD-Stadtverbandsvorsitzende von Celle und Wahlkampfleiter des regionalen Abgeordneten und Ex-Bundesverteidigungsminister Peter Struck, der BND-Verbindungsführer und Bestsellerautor Norbert Juretzko ein politisches Wendemanöver eingeleitet. Ab 2009 saß er im Vorstand der Partei Die Linke für Stadt und Kreis Celle, stand wieder für kommunalpolitische Ämter zur Verfügung.  Auch mit dieser neuen politischen Heimat überwarf er sich, gründete am 4. Juli 2011 seine eigene „Partei“: „Wir unabhängigen Wietzer (WuW)“. An der Spitze einer zehnköpfigen Kandidatenmannschaft zog er mit einer aufwendigen Webseite und vielen Helfern in den Kommunalwahlkampf. Am 11. September wollteNorbert Juretzko zwei Mitbewerber schlagen („Ich kann das von uns dreien am besten“) und hauptamtlicher Bürgermeister der 8000-Seelen-Stadt Wietze werden.

Am Ende mündete das politische Abenteuer in einer Riesenpleite. Bei einer schwachen Wahlbeteiligung von 46,5 Prozent, bekam Norbert Juretzko gerade 454 Stimmen. Das waren schlappe 11,4 Prozent. Der SPD-Kandidat kam auf 24,1 Prozent. Der bisherige CDU-Bürgermeister konnte seinen Sessel mit Erfolg verteidigen: 65,5 Prozent. Darin steckt ein pikantes Detail, das in Wietze seit längerem für große Unruhe sorgt – Europas größte Hühnerschlachtfabrik, ein 60-Millionen-Objekt. Der alte/neue
Bürgermeister Wolfgang Klußmann ist ein Förderer dieser umstrittenen Industrieansiedlung, Norbert Juretzko ein erbitterter Gegner.

Den Kampf gegen die Hühnerschlachter des Emsländer Unternehmers Franz-Josef Rothkötter führt er als  Vorsitzender der Wietzer Bürgerinitiative (BI) für den Erhalt des Alster-Leine-Tals e.V.  900 BI-Mitglieder  gegen die Celler Land Frischgeflügel GmbH. In der ersten Ausbaustufe des Hass-Objekts  sollen täglich bis zu 100 000 Tiere
verarbeitet werden. Für die nahe Zukunft  ist eine Verdoppelung dieser Quote geplant. Die Celler Land Frischgeflügel GmbH will bis zu 1000 Mitarbeiter beschäftigen. Im Radius von 150 Kilometern sollen zudem rund 400 neue Ställe für jeweils 40 000 Hähnchen entstehen. Diese Investitionen werden von der Stadt Wietze (und ihrem Bürgermeister Klußmann) begrüßt, vom Wutbürger in der Lüneburger Heide aber abgelehnt.  Die Kommunalwahl vom 11. September war nicht zuletzt ein klares Votum
zugunsten der Hühnerschlachtfabrik. Also eine doppelte Niederlage für Norbert Juretzko. Nun müsste er sich logischerweise etwas Neues einfallen lassen. 

Das Beste vom Norden, würde die NDR-Werbung anmerken, steht uns sicherlich noch bevor.

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